Warum Sie auch im Notfall meinen, ohne Anwalt auszukommen

8. September 2011 0 Von hberkel

Oder: Warum Sie erst gar nicht auch nur auf den Gedanken kommen, einen Anwalt anzurufen, obwohl Ihnen Übles schwant oder Ihnen das Wasser schon bis zum Hals steht.

Lassen wir hier einmal den Grund „Der ist sein Geld doch nicht wert“ beiseite; denn Sie wissen nicht, ob und wieviel Honorar Sie ihm zahlen müssen. Sie glauben nur, es zu wissen; tatsächlich haben Sie keine Ahnung.

Sie verzichten also auf die Hilfe eines Anwalts, weil Sie sowieso alles besser wissen. In dem Fall bin ich für meine Person dankbar, daß Sie auf meine Hilfe verzichten. Besserwisser sind nämlich nichts als eine Plage. Davon abgesehen schwant Besserwissern grundsätzlich nie Übles, und das Wasser, in dem sie stehen, bemerken sie auch nicht. Für die ist immer alles prima bestens, weil sie es ja besser wissen.

Na gut, Sie sind kein Besserwisser. Sie verzichten auf die Hilfe eines Anwalts, weil Recht nun mal Recht ist und keine Geheimwissenschaft. Was Recht ist, das wissen Sie so gut wie jeder andere auch. Noch besser kennen Sie sich aus mit dem Zwillingsbruder des Rechts, dem Unrecht, und sind dabei in bester Gesellschaft: Mit der Landrätin von der Partei mit dem C wie christlich, die zur Hatz bläst auf einen, der seine Strafe verbüßt hat; mit dem Lieber-bunt-als-braun-Bürger mit Zivilcourage, der unter dem Beifall des Publikums Wahlplakate abreißt; mit der Bundeskanzlerin, die eifrig Verträge bricht, weil das dem Wohle Europas dient und außerdem alternativlos ist; mit dem Hartz-IV-Empfänger, der dem Jobcenter seine anderen Einkünfte verschweigt; mit dem Bundesverfassungsrichter, der sich einen Teufel um den Text der Verfassung schert, weil ihn das Ergebnis stört und er auch mal Politik machen will; mit der Amtsrichterin, die mit der Gebärmutter statt nach dem Gesetz urteilt; mit dem Polizeibeamten, der auf der Jagd nach dem Täter das schwere und unhandliche Gesetzbuch wegwirft; mit dem braven Bürger, der den redlich verdienten Lohn seiner Arbeit vor dem Fiskus in Sicherheit bringt; mit dem Finanzminister, der ihn sich mit Hilfe bezahlter Datendiebe wiederholt, um Griechenland, Portugal, Spanien und Italien zu retten; mit dem munteren Nachwuchs, der sich auf Hauswänden künstlerisch verwirklicht, leider nicht auf den eigenen (Nicht meiner, sagen Sie? Was macht Sie so sicher?); mit unseren Volksvertretern, die die Eigentümer von Atomkraftwerken entschädigungslos enteignen; mit den naturverbundenen und zugleich kulturbeflissenen Grünen in einer vorpommerschen Bürgerschaft, die in bester SED-Manier den Bürgern einen Dresscode für öffentliche Plätze verordnen wollen.

Sie kennen sich also mit dem Unrecht aus eigener Erfahrung aus und müssen sich dessen auch nicht schämen. Denn warum sollten gerade Sie mit gutem Beispiel vorangehen und die Gesetze achten? Auf die Annehmlichkeiten verzichten, die ein gewiefter, möglichst noch moralisch geheiligter Rechtsbruch verschafft? Ein Rechtsbruch verheißt materiellen Gewinn, erleichtert den Alltag, entspannt, dient der gerechten Sache, macht Spaß, beseitigt Probleme sicher, schnell und ohne große Mühe, ist von der Familienehre geboten. Dagegen der Rechtschaffene: langweilig, ohne Geist und Witz, unerotisch und nur in Bekanntschaftsanzeigen gefragt.

Wenn Sie Pech haben und bestraft werden, geschieht es Ihnen nur recht. Kripo (oder Steuerfahndung), Staatsanwaltschaft und Gericht werden es schon richten und dafür sorgen, daß Sie zu Ihrem Recht kommen. Schließlich sind das die staatlich anerkannten, sozusagen zertifizierten Rechtsexperten, noch ein bißchen mehr als Sie. Alle diese Experten werden sich um Sie kümmern, damit Ihnen Gerechtigkeit widerfahre. Streng nach dem Gesetz. Sie werden zwar nicht wissen, wie Ihnen geschieht; aber seien Sie beruhigt, die Experten machen das schon.

Sie sind ohne Fehl und Tadel und haben deshalb nichts zu befürchten? Bedenken Sie, daß nur Sie allein wissen, ein Heiliger zu sein. Alle anderen können Ihnen das glauben, müssen es aber nicht.

Herzlichst – Ihr Heinrich Berkel